Gestern sah ich diesen Film . Soviel geweint habe ich lange nicht.
Eine Erinnerung stieg in mir hoch: Vor kurzem saß ich mit der Großen abends allein im Auto. Wir fuhren so vor uns hin, redeten über alles mögliche, darüber, wie lange man leben will, wer aus der Verwandtschaft gestorben ist, wie alt diese Menschen geworden sind. Die Große fragte, wie alt ich werden wolle. Darauf antwortete ich ihr, dass es mir nicht so sehr auf die Anzahl der Jahre ankäme, sondern darauf, ein erfülltes Leben zu haben, denn viele Jahre können auch leere Jahre sein.
Darauf fragte sie mich unvermittelt, ob ich jemande kenne, der sich das Leben genommen hat. Bumm.
Die Gedanken in meinem Hirn begannen zu kreisen – was kann ich ihr zumuten, was nicht?
Meine eigene Geschichte – die ist zu nah, die wäre zu verunsichernd für sie. Die kann ich ihr nicht erzählen.
Aber von ihrer Oma, meiner Mutter sprach ich.
Damals, als die Große noch nicht ganz zwei Jahre alt war, da rief mein Vater eines nachts an. Er hatte meine Mutter leblos in der Badewanne gefunden, mit einem Fön in der Hand, leere Tablettenpackungen daneben. Jetzt lag sie im Krankenhaus auf der Intensivstation. Gerettet zwar, aber uns brach der Boden unter den Füßen weg. Gleich am nächsten Morgen setzte ich mich in den Zug, um bei meinem Vater zu sein. Wir redeten viel in dieser Zeit. Über die monatelangen Depressionen. Über die Angst. Das Unverständnis. Die Wut. „Sie hatte doch alles“, waren seine Worte. „Nein“, war meine Antwort, wissend, dass er sie nicht wirklich verstehen würde.
Dann der erste Besuch bei meiner Mutter. Sie war mittlerweile auf einer psychiatrischen Station untergebracht. Als ich das Zimmer betrat, kam sie mir unsicher lächelnd entgegen. Dann umarmte ich sie und sie weinte. Wohl zum ersten Mal seit langen Monaten. Ich besuchte sie jeden Tag, bis ich selbst wieder nach Hause, zu meinem Kind musste.
Es war schwer, meine Eltern in dieser Situation allein zu lassen. Aber ich wusste auch, dass ich mehr nicht tun konnte. Dass den Löwenanteil meine Mutter selbst leisten musste, wenn sie wieder zurück ins Leben finden wollte. Und dass ich beiden zuhören konnte, ihnen aber diese Last, die sie auch aneinander trugen, nicht abnehmen konnte.
Ich weiß nicht, warum ich das hier jetzt schreibe. Vielleicht, weil ich meine ganz eigene Geschichte noch nicht erzählen kann. Weil ich beide „Seiten“ kenne, wenn auch nicht bis zum bitteren Ende. Gestern abend bei diesem Film, da kam jedenfalls so vieles in Bewegung in mir, eine Mischung aus Verstehen, Scham, Trauer und wissender Lebensfreude. Und mir fiel wieder dieses Gedicht ein:
Memento
Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr -
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur;
doch mit dem Tod der anderen muss man leben.
Mascha Kaléko