Funkstille.

Hier im blog ist es zur Zeit sehr ruhig – dementsprechend unruhig ist es hier im Realen.

Unser Mittlerer kämpft seit fast drei Monaten mit heftigen Verdauungsproblemen. Er kann nicht auf’s Klo, hat immer wieder Bauchweh. Wir wandern von einem Arzt zum nächsten, probieren seit Wochen verschiedenste Medikamente aus. Keine Süßigkeiten, kein Kakao, kein Weißmehl. Ohne Erfolg. Im Gegenteil – es scheint immer schlimmer zu werden. Mittlerweile geht gar nichts mehr von selbst – am Samstag abend war der Beste mit dem Mittleren in der Notaufnahme des KH. Einlauf. Dann wieder erhöhte Medikamentendosis und eine deadline: Wenn sich bis dahin “von allein” nichts tut, muss er stationär aufgenommen werden, um verschiedene Unteruchungen durchzuführen.

Wir sind mittlerweile mit unserem Latein am Ende. Man kann ein Kind ja schlecht zwingen, seinem Körper freien Lauf zu lassen, wenn es Angst vor Schmerzen hat. Es ist wie ein Teufelskreis, in dem sich die verschiedenen Faktoren gegenseitig bedingen und verstärken. Aber wie dort ausbrechen? Diese scheinbare, aus den Fugen geratene “Selbstverständlichkeit” bestimmt mittlerweile unser gesamtes Familienleben.

Ich bin ratlos. Und mache mir Sorgen, wie das alles weitergehen wird.

Ganz schön viel Leben in der Bude.

Wenn plötzlich die doppelte Anzahl Menschen hier herumwuselt, insgesamt also vier Erwachsene und sechs Kinder, geht es ganz schön quirlig zu. Die Spülmaschine ist im Dauereinsatz, Stühle werden treppauf, treppab geschleppt, um je nach Wetterlage drinnen oder draußen zu essen, die drei großen Kinder eröffnen einen Zirkus unter’m Kastanienbaumzelt, die zwei Mittelgroßen haben auch zueinander gefunden und führen wichtige Gespräche beim gemeinsamen Bausteinkochen: “Warum hast Du heute nacht so geweint?”, fragt das Besuchskind. “Weil ich auf der hellblauen Matratze schlafen wollte.”, antwortet unser Mittlerer. “Da, wo Deine Mama schläft?” “Ja!” “Ach, jetzt versteh’ ich das!”, kommt die einfühlsam-wissende Antwort, während beide intensiv in ihren Töpfen rühren.

Der Lütte ist mittendrin, freut sich am Gewusel. Und wir Erwachsenen finden zwischen Kinder wickeln, umziehen, kochen, vorlesen, Sandkuchen backen, auch immer wieder Zeit, miteinander zu reden.

Ein schönes, lebenspralles Wochenende.

Wenn die Reisigfeuer brennen.

Wenn die Reisigfeuer brennen

Und das Land im Rauch ertrinkt,

Wenn die Äste wie Antennen

Wanken, wie ein Fähnchen winkt.

Will ich trinken, deinen Mund.

Will ich spüren, meinen Grund.

Wenn die Sonnen uns verwandelt,

Wenn die Sterne uns verstehen,

Wenn der Tag das Licht verhandelt,

Wenn die Nächte rückwärts gehen,

Will ich fassen fest dich an.

Will ich machen, was ich kann.

Wenn es riecht nach nasser Erde

Und die Gärten sind gekämmt,

Wenn ich wirr und schlaflos werde

Und vom Schweiß durchnässt mein Hemd,

Will vergessen ich, was war.

Will ich lieben dich ein Jahr.

(H.E. Wenzel, von der CD: Solo live, 2008)


Süßer Zopf für müden Kopf.

Wenn ich so richtig übermüdet bin, verfalle ich oft in einen gewissen Aktionismus. Wohl, um nicht im Stehen einzuschlafen. Und so habe ich heute vormittag diverse Haushaltsdinge erledigt, die hier schon seit geraumer Zeit auf mich warteten.

Nebenher immer mal wieder ein Buch vorgelesen, zwei ineinander verkeilte Kinder auseinandergeknotet, wenigstens den Mittleren mal zum Lüften in den Regen gejagt,  Mittagessen gekocht. Und einen Nusszopf gebacken.

Heute nachmittag kommen nämlich mein Bruder und mein Neffe für zwei Tage zu Besuch. Und ich stelle gerade erschrocken fest, dass wir uns das letzte Mal sahen, als unser Lütter gerade ganz frisch geschlüpft war. Das ist also anderthalb Jahre her.

5:18.

Um diese Zeit stand der Mittlere vor meinem Bett (oder besser, meiner Matratze, ein Bett für die Eltern gibt’s hier nämlich nicht, aber das ist eine andere Geschichte) und meinte: “Ich bin gar nicht mehr müde.” Hopste neben mich, stellte zwei, drei laute Fragen – und schwupps, war auch der Lütte im Nebenzimmer erwacht. Beim Versuch, ihn nochmal hinzulegen, knallte er mit dem Kopf an sein Bett – also erstmal brüllen statt schlafen. Na prima, lag ich also mit zwei eigentlich noch müden Jungs da und versuchte, sie einigermaßen ruhig zu halten, damit die Große nicht auch gleich aufwacht. Kurz vor sechs gähnte und ningelte der Lütte so sehr, dass ich ihn einfach wieder in sein Bett packte – wo er sofort wieder einschlief. Dann taperte die Große aus ihrem Zimmer, also noch eine Runde Kuscheln, dann aufstehen.

Jetzt ist es kurz nach sieben. Die Große ist auf dem Weg zum Schulbus. Draußen ist es beinahe noch dunkel – der Himmel hängt schwer von grauen Wolken und es regnet Bindfäden.

Fein! Das wird ein lustiger Tag (und heute abend darf ich mir doch bitte wieder meine Decke über die Ohren ziehen, oder?!)

Kein Blogcontent, nirgends.

Hier ist’s gerade wunderschön ereignisarm. Der Mittlere ist heute zum ersten Mal seit zwei Wochen wieder im Kindergarten und somit der Vormittag ruhig wie lange nicht mehr. Ich konnte sogar Telefonieren. Zwie Stunden lang! Der Lütte hat nebenher gespielt, aus dem Fenster Katzen beobachtet, mir beim Wäschezusammenlegen geholfen, zweimal an der Brust getrunken und irgendwann dann doch  das Kabel des Headsets rausgerupft und damit deutlich gemacht, dass es jetzt mal gut ist mit klönen.

Nachher wandern wir zum Bus und holen die beiden Großen aus Schule und Kindergarten ab.

Der Beste ist bis Mittwochabend auf einer Tagung in Berlin und ich freue mich, dass ich diesen drei “Alleinetagen” sehr entspannt entgegensehe.

Also nicht viel los hier. Und das finde ich gerade richtig schön!

Mein buntes Bilderbuch vom Bauernhof, bisher unveröffentlichtes Kapitel.

Ich gehe da so mit den beiden Jungs unsere tägliche Spazierstrecke: Einen Feldweg am Dorfrand entlang, an blütenschweren Obstbäumen vorbei, Katzen kreuzen unseren Weg, Schafe weiden malerisch am Wegesrand und wie immer verweilen wir an einem Zaun, hinter dem gackernde Hühner und ein stolzer Hahn glücklich im Sand scharren, das eine oder andere Korn aufpicken, der Hahn kräht ab und an, die Sonne scheint und alles ist wie im Bilderbuch.

Dann betritt der Bauer die Szene. Im Hintergrund die Bäuerin in bunter Kittelschürze gibt Regieanweisungen: “Das da!”, sagt sie, und zeigt auf ein ahnungsloses, braunes Huhn. Mit einer Drahtschlinge bewaffnet, schleicht der Bauer hinter der Auserwählten her, erwischt sie und trägt sie schnell in den Schuppen. Der Hahn läuft aufgeregt gackernd hinterher. Es folgt ein langgezogenes “Gaaaaaaack….”, dann *PLOCK*. Das war das Beil.

Der Bauer tritt wieder auf, den abgehauenen Hühnerkopf in der Hand. Er kommt auf uns zu, zeigt uns den Kopf, der Mittlere bemerkt: “Da ist kein Huhn mehr dran.”

“Ja, mein Junge, heute gibt’s Hühnersuppe.”

Himmelfahrt.

Wenn in der Schule zum Muttertag goldige Papp-Herzchen gebastelt werden, muss es zum sog. Vater-/ Herrentag ein ebenso passendes Geschenk sein. Dachte sich wohl die Horterzieherin, als sie einen Klassensatz dieser Grausamkeiten für die Väter ihrer Schüler kaufte:

Zum Umhängen, damit man es im volltrunkenen Zustand nicht verliert.

***

Wer nicht mehr kann, der zählt schon fast als Leiche.

S’ ist Herrentag! Die Glatzen zeigen Seele.

Es klatschen Patrioten in die grünen Teiche

Gefüllt mit Volkslied, Schlamm und Schlick die Kehle.

Dann schäumt das Bier aus dicken, wunden Pfoten.

Die Zoten dröhnen, jeder Schuß ein Treffer.

Steh ihnen bei, mein Gott, denn Schwarzen, Gelben, Roten,

Und laß sie bleiben, wo er wächst, der Pfeffer.

Dann klingen Glocken und die Straßen wanken.

Jetzt aber Schluß mit den bescheidenen Dekaden.

Wir sind zu Hause! Gröl’n betrunken die Gedanken.

Geschecktes Kampfhundsvolk verbeißt sich in den Waden.

Auf Pferdewagen häufen sich die Leiber.

die Gäule, irr vom Flieder, sieht man sich verneinen.

Tief in der Nacht noch stehen frierend Weiber

Vor Krankenhäusern, wo sie sittsam weinen.

Als wäre Krieg. Die Männer an den Fronten.

So hart die Witwentrauer! Wie ein Pimmel hart.

Vertan die Küsse, die sie heut nicht küssen konnten.

S’ist Herrentag, der Tag der Himmelfahrt.

(H.E. Wenzel: “Himmelfahrt”, von dem gleichnamigen Album, 2005)