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Gestern war’s dann doch höchste Zeit, dass der Mann nach einer Woche Abwesenheit wieder bei uns eintraf.
Vor allem die letzten vier Tage waren anstrengend – alle drei Kinder rund um die Uhr allein zu bespaßen wegen kleiner Krankheit und Wochenende (wobei ich ja gar nicht so viel bespaße, aber schon das ständige hin und her, dieses und jenes holen und bringen, beim An- und Umziehen helfen, zwischendurch kochen, Brot und Kuchen backen, ein Kostüm umnähen etc.pp.) ist doch recht anstrengend, vor allem, wenn man mit Kugelbauch kaum mehr den Weg zum Schuhebinden schafft und immer wieder von diesem unangenehmen Ziehen im Bauch ermahnt wird und niemand da ist, dem man das alles mal für ein halbes Stündchen überhelfen könnte…
[Jetzt muss ich nur das Umschalten in den "Ich darf mich auch mal einfach so auf's Sofa legen"-Modus schaffen]
Kurz nach neun kündigte ich den beiden Jungs an, dass wir gleich rausgehen werden. Solche Ankündigungen setzen die Kinder meistens sofort in Bewegung, so auch heute:
“Nur noch die letzten Minuten der Kassette zu Ende anhören.”
“Nur noch was essen.”
“Nur noch mal k.acken.”
“Nur noch was trinken.” (danach: Nur noch mal komplett umziehen)
Jetzt ist es kurz nach elf und wir sind immer noch drin.
Kinder und Zeitmanagement passen nicht zusammen.
Der Mann ist für eine Nacht auf der Durchreise hier. Morgen muss er wieder weg, in die entgegengesetzte Richtung, diesmal aber nur drei Tage.
Und auch wenn wir gerade in verschiedenen Zimmern sitzen, spüre ich doch seine Präsenz und freue mich.
Die letzten Tage allein mit den Kindern waren gut. Geerdet irgendwie. Trotz aller Wirrnisse und Unsicherheiten, die sich meiner vor allem nachts bemächtigen (seit einer Woche kaum mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht sieht man mir langsam an). Ich bin mehr bei den Kindern als sonst – zugewandter, offener, geduldiger. Es ist schon komisch, dass man trotz stürmischer See so ruhig auf seinem Schiff sein kann. Hin und her geworfen zwar, aber doch geborgen. Ich spüre, dass wir wachsen dieser Tage. Der Mann. Ich. Wir miteinander, aneinander. Als Paar und als Familie.
Das ist gut.
Gestern sah ich diesen Film . Soviel geweint habe ich lange nicht.
Eine Erinnerung stieg in mir hoch: Vor kurzem saß ich mit der Großen abends allein im Auto. Wir fuhren so vor uns hin, redeten über alles mögliche, darüber, wie lange man leben will, wer aus der Verwandtschaft gestorben ist, wie alt diese Menschen geworden sind. Die Große fragte, wie alt ich werden wolle. Darauf antwortete ich ihr, dass es mir nicht so sehr auf die Anzahl der Jahre ankäme, sondern darauf, ein erfülltes Leben zu haben, denn viele Jahre können auch leere Jahre sein.
Darauf fragte sie mich unvermittelt, ob ich jemande kenne, der sich das Leben genommen hat. Bumm.
Die Gedanken in meinem Hirn begannen zu kreisen – was kann ich ihr zumuten, was nicht?
Meine eigene Geschichte – die ist zu nah, die wäre zu verunsichernd für sie. Die kann ich ihr nicht erzählen.
Aber von ihrer Oma, meiner Mutter sprach ich.
Damals, als die Große noch nicht ganz zwei Jahre alt war, da rief mein Vater eines nachts an. Er hatte meine Mutter leblos in der Badewanne gefunden, mit einem Fön in der Hand, leere Tablettenpackungen daneben. Jetzt lag sie im Krankenhaus auf der Intensivstation. Gerettet zwar, aber uns brach der Boden unter den Füßen weg. Gleich am nächsten Morgen setzte ich mich in den Zug, um bei meinem Vater zu sein. Wir redeten viel in dieser Zeit. Über die monatelangen Depressionen. Über die Angst. Das Unverständnis. Die Wut. “Sie hatte doch alles”, waren seine Worte. “Nein”, war meine Antwort, wissend, dass er sie nicht wirklich verstehen würde.
Dann der erste Besuch bei meiner Mutter. Sie war mittlerweile auf einer psychiatrischen Station untergebracht. Als ich das Zimmer betrat, kam sie mir unsicher lächelnd entgegen. Dann umarmte ich sie und sie weinte. Wohl zum ersten Mal seit langen Monaten. Ich besuchte sie jeden Tag, bis ich selbst wieder nach Hause, zu meinem Kind musste.
Es war schwer, meine Eltern in dieser Situation allein zu lassen. Aber ich wusste auch, dass ich mehr nicht tun konnte. Dass den Löwenanteil meine Mutter selbst leisten musste, wenn sie wieder zurück ins Leben finden wollte. Und dass ich beiden zuhören konnte, ihnen aber diese Last, die sie auch aneinander trugen, nicht abnehmen konnte.
Ich weiß nicht, warum ich das hier jetzt schreibe. Vielleicht, weil ich meine ganz eigene Geschichte noch nicht erzählen kann. Weil ich beide “Seiten” kenne, wenn auch nicht bis zum bitteren Ende. Gestern abend bei diesem Film, da kam jedenfalls so vieles in Bewegung in mir, eine Mischung aus Verstehen, Scham, Trauer und wissender Lebensfreude. Und mir fiel wieder dieses Gedicht ein:
Memento
Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr -
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur;
doch mit dem Tod der anderen muss man leben.
Mascha Kaléko
Hier entwickeln sich die Dinge gerade nicht so, wie sie sollten. Und doch müssen wir versuchen, zuversichtlich zu sein. Irgendwie hat das alles seinen Sinn…
[dem Würmchen geht's gut, es sind berufliche Sorgen, die uns drücken]
Oder vielleicht sollte ich es passender Schneetaufe nennen.
Heute früh zum ersten Mal durch Schneegestöber und über rutschige Straßen gefahren (wohlgemerkt: Ich hinter’m Steuer). Gaaanz langsam, um ein Gefühl für’s Bremsen, überhaupt für das Fahren im Winter zu kriegen, denn dazu war ja bisher keine Gelegenheit. Die Jungs zum Kindergarten gebracht und dann meine Pläne, in die kleine Großstadt zu fahren, verworfen, als ich am zweiten Unfall vorbeikam. Kurzerhand umgedreht und auf dem Weg nach Hause noch den dritten Unfall umfahren.
Die Zeit genutzt zum Weihnachtsbaumabputzen, nur die Kerzen sind noch dran, die werden wir heute abend noch abbrennen. Denn danach kommt der Baum raus und morgen an diese Stelle eine Tür in die Wand.
Die Nächte sind derzeit sehr unruhig: Drei-, viermal wandere ich ins Zimmer der Jungs um wahlweise Toilettenbelgeitung, Bettdeckenzurechtrücker, Wasser- oder Kuscheltierreicher zu sein. Hinzu kommen meine eigenen schlaflosen Phasen, die sich meist an so ein nächtliches Aufstehen anschließen und gern auch mal bis kurz vor dem nächsten Gerufenwerden andauern – oft versinke ich gerade so im Schlaf, wenn es wieder aus dem Babyphon schallt: “Maaamaaa!” Da ist 5.20 Uhr definitiv zu früh. Seit einiger Zeit schon wacht der Lütte pünktlich um diese Zeit auf (manchmal auch erst 5:30 Uhr
), ruft nach mir, lässt sich nicht mehr in seinem Bett beruhigen, sondern will mit in mein Bett kuscheln.
Und da liegt er dann, rutscht immer näher an mich heran und drängelt mich dabei halb aus dem Bett, schnieft und schnauft, wälzt sich umher, streichelt mich zwischendurch mitten im Gesicht, erklärt mir flüsternd seine Liebe und auch wenn das alles irgendwie wirklich herzallerliebst ist – mir fehlt die letzte Stunde Schlaf der Nacht!
Denn wenn 6:30 Uhr der Wecker klingelt, bin ich irgendwie noch oder schon wieder so müde, dass ich den Tag über wie Falschgeld herumlaufe und nichts von dem schaffe, was ich mir vorgenommen habe… (wie das dann noch mit Baby werden soll, daran mag ich gerade gar nicht denken).
Nein, nein – nicht hier. Auch wenn es im Blog momentan ein bisschen ruhiger ist.
Vor einigen Wochen habe ich meine Hebamme gewechselt. Die erste war zwar nett, aber da sie in einer ziemlich großen und stark frequentierten Praxis arbeitet, kam ich mir bei meinen Terminen dort immer ein bisschen…abgefertigt vor. Als die Hebamme dann auch noch völlig selbstverständlich einen Ultraschall machen wollte, statt meinen Bauch abzutasten, wusste ich: Das ist nicht das, was ich mir vor allem in Vorbereitung auf die Hausgeburt gewünscht hatte. Dann kam der Tip einer Bekannten, dass es im Nachbardorf eine Hebamme gäbe, die auch Hausgeburten betreut.
Und ja, schon beim ersten Treffen stimmte die Chemie und so wird sie mir hoffentlich im März zur Seite stehen. Schön ist auch, dass sie zu den Vorsorgen zu mir kommt, dass wir zusammen bei einer Tasse Tee besprechen, was gerade ansteht und sie nur mit ihren Händen und ihrem Hörrohr untersucht, was mir hilft, selbst besser die Signale meines Körpers wahrzunehmen und zu deuten.
Jetzt habe ich mich sogar entschlossen, einen Geburtsvorbereitungskurs bei ihr zu machen. Und so sitze ich nun dienstags abends als einzige “Mehrgebärende” unter sechs “Erstgebärenden” (blöde Bezeichnungen) und genieße diese anderthalb Stunden nur für mich und das Würmchen. Es gibt da nicht viel neues für mich, aber Entspannung, Bei-mir-Sein, Besinnung auf das, was kommt. Und das tut mir sehr gut.
Heute möchte ich eine neue Kategorie aufmachen. Immer wieder merke ich, dass ich die kleinen, beglückenden Momente in meinem Leben übersehe, kleinrede, mich von ihnen undankbar abwende. Stattdessen fällt mein Blick allzuoft auf das, was dunkel scheint, was schwer wiegt und mich bedrückt.
Heute also beginne ich damit, hier kleine Glücksmomente zu sammeln. Um sie mir selbst bewusst zu machen, ihnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Um mir selbst gut zu tun.
Einer dieser Glücksmomente für mich ist das Brotbacken:
Wie aus nur wenigen Zutaten etwas so Elementares, Nährendes, Wohltuendes wird – das ist ein Wunder. Ich freue mich immer sehr darüber, dass ich gutes, gesundes Brot zaubern kann und wir nur ganz, ganz selten Brot kaufen müssen.
Es ist schon seltsam, wie schnell und stark meine seelische Verfassung derzeit schwankt. Und ja, ich denke schon, dass es einen Zusammenhang mit dem Schwangersein gibt, auch wenn ich mir das immer wieder selbst ausreden will. Nach dem tiefen Tal der letzten Tag, fühle ich mich heute viel ausgeglichener, ruhevoller. Es mischt sich gar Freude in meine Gedanken und nimmt mehr und mehr Raum ein – etwas, was ich mir nach so einem Tief immer schlecht eingestehen kann (und ich freue mich besonders darüber, dass ich es heute so einfach annehmen kann!).
Mir hilft, dass der Mann einen Tag frei hat. So sind wir zwei allein zu Hause, haben gemeinsam und in Ruhe gefrühstückt, ein bisschen zusammen gearbeitet und werkeln jetzt jeder für sich, aber doch nah beieinander, vor uns hin.
Ich weiß, wohin ich gehöre. Und das erdet und verbindet mich wieder mit meinem Sein.
Noch etwas fiel mir heute früh auf: Über zwei Wochen hatte ich unsere beiden Jungs, mal mehr, mal weniger krank, ohne Pause hier bei mir. Und ja, jetzt merke ich, dass das anstrengend war. Dass da kein Raum für mich blieb. Dass das ständige Präsentseinmüssen tagsüber verbunden mit dem nächtens mehrmals aufstehen müssen, Kraft kostet.
Und auch wenn ich mich jetzt als “Rabenmutter” oute (denn ich gehe ja nicht arbeiten, sondern bin nur Hausfrau
): Ich bin froh, dass heute der Kindergarten wieder seine Türen geöffnet hat…


